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Zwei Menschen, gleiches Geburtsjahr, unterschiedliches Gefäßalter
Zwei 55-Jährige, gleicher Jahrgang, gleicher Personalausweis – und doch können ihre Blutgefäße biologisch Jahrzehnte auseinanderliegen. Möglich macht diesen Vergleich eine radiologische Untersuchung namens Coronary-Artery-Calcium-Score (CAC-Score), die misst, wie viel Calcium sich bereits in den Herzkranzgefäßen abgelagert hat. Forschende der großen amerikanischen MESA-Studie haben aus diesem Wert sogar ein „Gefäßalter“ errechnet, das mit dem tatsächlichen Kalenderalter nur noch lose zusammenhängt.
Was diese Forschung so interessant macht: Calcium, der Baustoff unserer Knochen, spielt dabei eine überraschende Doppelrolle. Während die Knochen mit den Jahren tendenziell Calcium verlieren, kann sich das Mineral gleichzeitig dort ablagern, wo es eigentlich nicht hingehört – in den Wänden unserer Blutgefäße. Dieses Phänomen, in der Forschung als „Kalzifizierungsparadox“ beschrieben, ist einer der am besten dokumentierten, aber am wenigsten bekannten Aspekte des biologischen Alterns.
Warum das Kalenderalter nur die halbe Wahrheit ist
Die Longevity-Forschung unterscheidet grundsätzlich zwischen dem chronologischen Alter (den gelebten Jahren) und dem biologischen Alter (dem tatsächlichen Funktionszustand von Zellen, Geweben und Organen). Gemessen wird das biologische Alter unter anderem über epigenetische Uhren, die Methylierungsmuster der DNA auswerten, aber auch über handfeste körperliche Marker wie Herz-Kreislauf-Fitness, Entzündungswerte oder eben eine bildgebende Gefäßuntersuchung.
Der Calciumstoffwechsel ist dabei ein besonders aufschlussreicher Bereich, weil er zwei scheinbar gegensätzliche Alterungsprozesse gleichzeitig sichtbar macht: den Verlust von Knochendichte (siehe unseren Artikel zur Knochengesundheit im Alter) und die Zunahme von Gefäßverkalkung. Wer nur auf die Knochendichte schaut, sieht nur die halbe Geschichte des Calciumstoffwechsels im Alter.
Das Kalzifizierungsparadox: Wenn Calcium am falschen Ort landet
Warum verlässt Calcium die Knochen, während es sich gleichzeitig in den Arterien ansammelt? Die Antwort liegt in zwei körpereigenen Proteinen: Osteocalcin, das Calcium in die Knochenmatrix einbaut, und das Matrix-Gla-Protein (MGP), das Calciumablagerungen in den Gefäßwänden entgegenwirkt. Beide Proteine benötigen für ihre Funktion eine Vitamin-K2-abhängige Aktivierung (Carboxylierung). Ohne ausreichend aktiviertes MGP bleibt Calcium in den Gefäßen ungehindert – ein Mechanismus, den wir in unserem Glossareintrag zu Vitamin K2 im Detail erklären.
Die MESA- und ARIC-Studien, zwei der größten und am längsten laufenden US-amerikanischen Kohortenstudien zu Gefäßgesundheit, haben gezeigt, dass der CAC-Score unabhängig vom Kalenderalter das Sterberisiko vorhersagt – Personen mit einem hohen CAC-Score hatten ein mehrfach erhöhtes Risiko im Vergleich zu gleichaltrigen Personen mit einem CAC-Score von null. In der ARIC-Studie wurde der CAC-Score bei Menschen ab 75 Jahren sogar explizit als Marker für „gesundes“ versus „ungesundes“ Altern vorgeschlagen. Damit zählt die Gefäßverkalkung zu den am besten belegten bildgebenden Biomarkern des biologischen Alterns überhaupt.
Ein Thema, das in diesem Zusammenhang seit über einem Jahrzehnt kontrovers diskutiert wird, ist die isolierte, hochdosierte Calcium-Supplementierung. Eine vielzitierte Metaanalyse von Bolland und Kollegen (BMJ 2010/2011) fand bei Osteoporose-Patientinnen, die Calcium-Präparate ohne Vitamin D einnahmen, ein moderat erhöhtes Herzinfarktrisiko. Andere große, randomisierte Studien – etwa eine australische RCT an Frauen über 75 sowie Teile der Women's-Health-Initiative-Daten – fanden dagegen keinen entsprechenden Zusammenhang. Auch die EFSA kam bei ihrer eigenen Neubewertung 2012 zu dem Schluss, dass eine Gesamt-Calciumzufuhr von bis zu 2.500 bis 3.000 mg pro Tag aus Nahrung und Nahrungsergänzung nicht mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden ist. Die Datenlage ist also uneinheitlich – ein aktives Forschungsfeld, kein abschließend geklärter Fakt. Bemerkenswert ist trotzdem, dass praktisch alle auffälligen Signale in Studien auftraten, die Calcium isoliert und in vergleichsweise hohen Einzeldosen ohne Vitamin K2 untersuchten – genau der Bereich, in dem die eingangs beschriebenen Aktivierungsproteine ins Spiel kommen.
Was das für deinen Alltag bedeutet
Wie Vitamin D3 und Vitamin K2 im Detail an der Aktivierung von Osteocalcin und Matrix-Gla-Protein beteiligt sind, welche EFSA-Claims dazu zugelassen sind und was das für die Dosierung bedeutet, erfährst du in unseren Glossareinträgen zu Vitamin D3 und Vitamin K2. Wer sich zusätzlich für die Knochenseite des Calciumstoffwechsels interessiert, findet vertiefende Informationen in unserem Artikel zur Knochengesundheit im Alter.
Das biologische Alter versteckt sich nicht nur in Falten oder grauen Haaren, sondern auch dort, wo man es zunächst nicht vermutet: im Calciumstoffwechsel. Während die Knochen über die Jahrzehnte tendenziell an Substanz verlieren, kann sich Calcium gleichzeitig in den Gefäßwänden ansammeln – zwei Prozesse, die enger miteinander verknüpft sind, als es auf den ersten Blick scheint, und die beide von denselben Vitamin-K2-abhängigen Proteinen mitgesteuert werden. Die Forschung zum CAC-Score und zum Kalzifizierungsparadox zeigt eindrucksvoll: Wer sein wahres biologisches Alter verstehen will, kommt am Calciumstoffwechsel nicht vorbei. Wie genau Vitamin D3 und Vitamin K2 dabei zusammenarbeiten und worauf es bei einer durchdachten Nährstoffversorgung ankommt, liest du vertiefend in unseren Glossareinträgen zu Vitamin D3 und Vitamin K2. Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die im Text genannten Aussagen zu Vitamin D3 (Aufnahme und Verwertung von Calcium, Erhaltung normaler Knochen) und Vitamin K2 (Erhaltung normaler Knochen, normale Blutgerinnung) sind von der EFSA geprüfte und zugelassene Health Claims gemäß Verordnung (EG) Nr. 1924/2006. Alle weiteren im Text genannten Zusammenhänge – insbesondere zu biologischem Alter, Gefäßverkalkung, dem CAC-Score und der Rolle von Vitamin K2 bei der Gefäßgesundheit – beruhen auf einzelnen Studien bzw. laufender, teils kontrovers diskutierter Forschung und sind keine durch die EU zugelassenen Health Claims. Die Datenlage zum kardiovaskulären Risiko isolierter Calcium-Supplementierung ist wissenschaftlich uneinheitlich; die EFSA sieht bei einer Gesamtzufuhr bis 2.500–3.000 mg Calcium pro Tag aus Nahrung und Nahrungsergänzung kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Bildgebende Verfahren wie der CAC-Scan sollten nur nach ärztlicher Empfehlung und Einordnung durchgeführt werden. Bei bestehenden Erkrankungen oder der Einnahme von Medikamenten sollte jede Supplementierung vorab ärztlich abgeklärt werden.
Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis (MESA): Arterial Age as a Function of Coronary Artery Calcium. Journal of the American College of Cardiology Atherosclerosis Risk in Communities Study (ARIC, 2024): Coronary artery calcium as a marker of healthy and unhealthy aging in adults aged 75 and older. Atherosclerosis Journal Bolland M. J. et al. (2010, 2011): Calcium supplements and cardiovascular risk – Meta-Analysen und Re-Analyse der Women's Health Initiative. BMJ Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Höchstmengenvorschläge für Calcium in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln (mit Einordnung der EFSA-Neubewertung 2012) Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns: Wie kann man das biologische Alter messen? Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA): Health Claims zu Vitamin D und Vitamin K, Verordnung (EU) Nr. 432/2012 Fachliteratur zu Matrix-Gla-Protein und Osteocalcin als Vitamin-K2-abhängige Regulatoren des Calciumstoffwechsels (u. a. Schurgers, Vermeer et al.) Mehr zum Zusammenspiel von Calcium, Vitamin D3 und K2
Fazit: Dein Kalender kennt dein Alter – deine Gefäße kennen die Wahrheit
Quellen