Zum Inhalt springen

Longevity · Quercetin

Polyphenole und Zellalterung: Wie Quercetin als Senolytikum die Forschung elektrisiert

Quercetin zählt zu den am besten untersuchten pflanzlichen Polyphenolen der Longevity-Forschung. Besonders seine mögliche Rolle bei der Entfernung seneszenter Zellen – auch als „Zombie-Zellen“ bekannt – steht derzeit im Fokus zahlreicher Studien. Dieser Artikel zeigt, was die Wissenschaft bisher über Quercetin als potenzielles Senolytikum weiß und wo noch Forschungsbedarf besteht.

ASLAN Redaktion · 6 Minuten Lesezeit · Aktualisiert Juli 2026

Eine alte Bekannte aus der Zwiebelschale

Eine Zwiebel schützt sich selbst mit einem der stärksten pflanzlichen Polyphenole überhaupt: Quercetin sitzt konzentriert direkt unter der äußeren Schale und wehrt dort UV-Stress und oxidative Angriffe ab. Der menschliche Körper kennt ein ganz ähnliches Problem – nur auf zellulärer Ebene. Mit den Jahren sammeln sich Zellen an, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht sterben. Biologinnen und Biologen nennen sie „seneszente Zellen“ – im Volksmund manchmal „Zombie-Zellen“. Genau an diesem Punkt setzt eine der derzeit meistdiskutierten Fragen der Longevity-Forschung an: Kann ein pflanzlicher Stoff wie Quercetin dabei helfen, solche Zellen gezielt zu entfernen? Forschungsteams weltweit – von der Mayo Clinic bis zur Washington University – jagen genau dieser Frage seit einigen Jahren nach, und erste Daten am Menschen liegen inzwischen vor.

Warum seneszente Zellen zum Problem werden

Seneszente Zellen sind kein reines Alterserscheinungs-Detail, sondern gelten inzwischen als eines der zentralen „Hallmarks of Aging“. Ein Protein namens p16INK4a markiert diese Zellen und korreliert nachweislich mit dem chronologischen Alter in praktisch jedem untersuchten Gewebe. Das eigentliche Problem: Seneszente Zellen bleiben nicht passiv. Über den sogenannten SASP (Senescence-Associated Secretory Phenotype) schütten sie permanent entzündungsfördernde Botenstoffe aus, die umliegende gesunde Zellen mit in den Alterungsprozess hineinziehen können. Diese schleichende, niedriggradige Entzündung – oft „Inflammaging“ genannt – wird mit einer ganzen Reihe altersassoziierter Prozesse in Verbindung gebracht. Je mehr solcher Zellen sich über die Jahrzehnte ansammeln, desto größer die Last für den Organismus: Die Regenerationsfähigkeit von Geweben stößt irgendwann an ihre Grenzen.

Was die Wissenschaft über Quercetin als Senolytikum weiß

Polyphenole sind die größte Gruppe sekundärer Pflanzenstoffe und werden in der Longevity-Forschung intensiv untersucht, weil viele von ihnen gezielt in zelluläre Stressreaktionen eingreifen können, statt nur unspezifisch Radikale abzufangen. Quercetin gilt dabei als eines der am besten erforschten Flavonole überhaupt – und sein Wirkprinzip als sogenanntes „Senolytikum“ unterscheidet sich grundlegend von dem klassischer Antioxidantien. Seneszente Zellen schützen sich aktiv vor dem programmierten Zelltod (Apoptose), indem sie die Proteine Bcl-2 und Bcl-xL hochregulieren. Laboruntersuchungen zeigen, dass Quercetin genau an diesem Punkt ansetzen kann: Es bindet an die BH3-Domäne dieser Proteine und hemmt so deren schützende Wirkung, wodurch seneszente Zellen ihre Abwehr gegen die Apoptose verlieren sollen. Parallel dazu greift Quercetin laut Zellstudien in den PI3K/Akt-Signalweg ein, der in seneszenten Zellen häufig überaktiv ist und deren Überleben begünstigt.

Aus diesen präklinischen Beobachtungen entstand die heute bekannteste Senolytika-Kombination der Forschung: Dasatinib plus Quercetin, kurz D+Q. Erste Pilotstudien am Menschen – etwa die STAMINA-Studie der Wake Forest University – testeten intermittierende Gaben von 100 mg Dasatinib und 1.250 mg Quercetin an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, wiederholt alle zwei Wochen über zwölf Wochen, bei älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Einschränkung und verlangsamtem Gangbild. Die Studienautorinnen und -autoren berichteten von einem günstigen Sicherheitsprofil bei dieser kurzzeitigen, intermittierenden Einnahme – anders als bei der Dauereinnahme von Dasatinib in der Krebstherapie, wo deutlich mehr Nebenwirkungen auftreten. Weitere Studien laufen aktuell unter anderem zu Fettlebererkrankung (NAFLD), Multipler Sklerose und beschleunigter Alterung bei psychiatrischen Erkrankungen. Ein Forschungsfeld, das in den kommenden Jahren spannende Antworten liefern dürfte – gerade weil gleich mehrere unabhängige Zentren parallel daran arbeiten.

Wichtig für die Einordnung: Die EFSA hat 2011 gesundheitsbezogene Angaben zu Quercetin – etwa zum Schutz von DNA, Proteinen und Lipiden vor oxidativen Schäden oder zum Herz-Kreislauf-System – geprüft und mangels ausreichender wissenschaftlicher Absicherung abgelehnt. Es gibt somit aktuell keinen zugelassenen Health-Claim für Quercetin in der EU. Die zitierten Senolytik-Studien beziehen sich zudem überwiegend auf die Wirkstoffkombination mit dem verschreibungspflichtigen Medikament Dasatinib, nicht auf Quercetin als alleiniges Nahrungsergänzungsmittel. Das mindert die Bedeutung der Forschung nicht – im Gegenteil: Es zeigt, wie früh wir uns noch in einem Feld befinden, das gerade erst beginnt, aus dem Labor in die Klinik zu wandern.

Quercetin im Alltag: Was sich daraus ableiten lässt

Wer Quercetin über die Ernährung aufnehmen möchte, findet es vor allem in roten Zwiebeln, Äpfeln mit Schale, Kapern, Grünkohl, Brokkoli und dunklen Beeren – besonders konzentriert direkt unter der Schale beziehungsweise in den äußeren Blattschichten. Die durchschnittliche Zufuhr über die normale Ernährung liegt Studien zufolge bei nur etwa 16 bis 23 mg pro Tag – deutlich unter den Mengen, die in den meisten der oben genannten Studien zum Einsatz kamen. Das liegt auch an einem grundsätzlichen Problem: Quercetin ist schlecht wasserlöslich und wird vom Körper nur in geringem Maß aufgenommen. Deshalb greifen viele Studien und Nahrungsergänzungsmittel auf Formen mit verbesserter Bioverfügbarkeit zurück, etwa an Phospholipide gebundenes Quercetin.

Ein Punkt, der in der Praxis oft übersehen wird: Quercetin ist pharmakologisch alles andere als „harmlos pflanzlich“. In höheren, supplementierten Dosen hemmt es mehrere Cytochrom-P450-Enzyme (u. a. CYP3A4, CYP1A2, CYP2C9) sowie den Transporter P-Glykoprotein, wodurch die Blutspiegel bestimmter Medikamente ansteigen können – nachgewiesen wurde das etwa für das Statin Pravastatin und das Antihistaminikum Fexofenadin. Auch eine verstärkende Wirkung auf blutverdünnende Medikamente wird diskutiert. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte eine höher dosierte Quercetin-Supplementierung deshalb vorher ärztlich abklären lassen – das gilt erst recht für jede Form von Senolytika-Protokollen, die bislang ausschließlich im Rahmen klinischer Studien unter Aufsicht erfolgen und keine Anleitung zur Selbstanwendung darstellen.

Mehr zum Thema

Mehr zu Herkunft, Bioverfügbarkeit und Dosierung von Quercetin lest ihr in unserem Glossareintrag „Quercetin“ (in Kürze verfügbar). Wer sich generell für die Biologie der Zellalterung interessiert, findet den passenden Kontext auch in unserem kommenden Beitrag zu den Hallmarks of Aging.

Fazit: Nicht jede Zelle, die aufhört sich zu teilen, verabschiedet sich auch

Genau darin liegt die Pointe der Seneszenz-Forschung: Es sind nicht die alten Zellen selbst, die Probleme bereiten, sondern jene, die bleiben, obwohl sie längst hätten gehen sollen. Quercetin steht dabei exemplarisch für eine neue Generation von Wirkstoffen, die nicht einfach nur Radikale abfangen, sondern gezielt in die Überlebensmechanismen einzelner Zellen eingreifen. Ob aus dieser Forschung eines Tages ein etablierter Baustein der Longevity-Medizin wird, ist heute noch offen – die nächsten Jahre werden entscheidende Daten liefern. Schon jetzt aber ist klar: Selten hat ein Zwiebel-Farbstoff so viel wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Alles zu Herkunft, Aufnahme und Dosierung von Quercetin findet ihr in unserem Glossareintrag „Quercetin“ – hier lohnt sich der Blick ins Detail.

 

Quellen

EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (2011): Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to quercetin. EFSA Journal 9(4):2067.

Riva A. et al. (2019): Improved Oral Absorption of Quercetin from Quercetin Phytosome, a New Delivery System Based on Food Grade Lecithin. European Journal of Drug Metabolism and Pharmacokinetics, 44(2), 169–177.

Justice J. N. et al.: STAMINA-Pilotstudie zu Dasatinib und Quercetin bei älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Einschränkung. eBioMedicine (The Lancet), 2025.

ClinicalTrials.gov: NCT05422885, NCT05838560, NCT05506488, NCT07270120 (laufende Studien zu Dasatinib + Quercetin).

MOLEQLAR: Zelluläre Seneszenz – das 7. Hallmark of Aging.

Dove Medical Press: The Protective and Senolytic Effects of Quercetin in Age-Related Ocular Disease.

MDPI International Journal of Molecular Sciences (2026): Exploring the Senotherapeutic Potential of Polyphenols in Aging and Disease.

vitalstoff-lexikon.de: Quercetin – Interaktionen.

Wikipedia: Quercetin (Lebensmittelquellen, durchschnittliche tägliche Zufuhr).

 

Bleib informiert

Newsletteranmeldung

Gehören Sie zu den ersten, die alle Infos und Angebote rund um Aslan und Gesundheit erhalten.
Jetzt zum Newsletter anmelden!