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Als ein Zellbaustein Schlagzeilen machte
2016 sorgte ein Forschungsteam um Frank Madeo von der Universität Graz für internationale Schlagzeilen: In ihrer im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichten Studie fütterten sie Mäuse und Ratten mit spermidinreicher Nahrung – und beobachteten nicht nur eine längere Lebensspanne, sondern auch spürbar gesündere Herzen: elastischer, weniger verdickt, mit besserer Entspannungsfähigkeit zwischen den Herzschlägen. Medien titelten damals sinngemäß, ein „Spermabestandteil“ schütze das Herz. Seitdem gehört die Herz-Kreislauf-Gesundheit zu den meistdiskutierten Forschungsfeldern rund um Spermidin.
Warum das Herz besonders im Fokus steht
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen weiterhin zu den häufigsten Todesursachen – und mit zunehmendem Alter verlieren Arterien und Herzmuskel an Elastizität, während Blutdruck und Gefäßsteifigkeit tendenziell steigen. Klassische Präventionsmaßnahmen wie Bewegung, salzarme Ernährung und Nichtrauchen bleiben unangefochten die wichtigsten Stellschrauben. Trotzdem wächst das Interesse an natürlichen Substanzen, die zusätzlich unterstützend wirken könnten, ohne die Nebenwirkungen mancher Medikamente – und genau in diese Lücke stößt die Spermidin-Forschung.
Was die Forschung bisher zeigt
Der zugrunde liegende Mechanismus ist wieder die Autophagie – diesmal in den Herzmuskelzellen (Kardiomyozyten). Diese Zellen erneuern sich im Erwachsenenalter kaum noch und sind daher besonders auf ein funktionierendes internes Aufräumsystem angewiesen, um beschädigte Proteine und Zellorganellen abzubauen. Spermidin gilt als einer der wirksamsten natürlichen Auslöser dieses Prozesses in Herzzellen.
In der bereits erwähnten Studie von Eisenberg, Madeo und Kolleg:innen (2016) zeigte sich bei Mäusen und Ratten unter spermidinreicher Fütterung eine verbesserte diastolische Funktion – also eine bessere Entspannungsfähigkeit des Herzmuskels zwischen den Schlägen –, eine geringere Verdickung der Herzwände sowie ein gesenkter Blutdruck. Der Effekt zeigte sich sogar bei Ratten mit salzinduziertem Bluthochdruck. Parallel befragten die Forschenden rund 800 Personen in Südtirol zu ihren Ernährungsgewohnheiten: Wer viel Spermidin über die Nahrung aufnahm, hatte ein geringeres Risiko für Herzinsuffizienz und andere kardiovaskuläre Erkrankungen.
Wichtig für die Einordnung: Die belastbaren Effekte auf Blutdruck und Herzfunktion stammen bislang überwiegend aus Tiermodellen. Die Daten beim Menschen sind Beobachtungsdaten – sie zeigen einen Zusammenhang, aber keinen Beweis, dass Spermidin ursächlich für die niedrigere Erkrankungsrate verantwortlich ist. Randomisiert-kontrollierte Studien, die eine gezielte blutdrucksenkende oder herzschützende Wirkung von Spermidin-Supplementen beim Menschen zweifelsfrei belegen, stehen weiterhin aus. Entsprechend hat die EFSA für Spermidin bislang keinen Health-Claim im Bereich Herz-Kreislauf-Gesundheit zugelassen – die Studienlage wird als vielversprechend, aber nicht ausreichend belegt eingestuft.
Praktische Tipps für den Alltag
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Basis bleibt die Standardprävention: Regelmäßige Bewegung, ein moderater Salzkonsum, Nichtrauchen und die Behandlung eines bestehenden Bluthochdrucks nach ärztlicher Empfehlung sind durch deutlich mehr Evidenz abgesichert als Spermidin allein – daran führt kein Weg vorbei.
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Spermidinreiche Ernährung als Baustein: Weizenkeime, Vollkornprodukte, Pilze, Sojabohnen und Hülsenfrüchte lassen sich unkompliziert in eine ohnehin herzgesunde, mediterran geprägte Ernährung integrieren.
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Vorsicht bei Kombination mit anderen blutdrucksenkenden Nahrungsergänzungsmitteln: Werden gleichzeitig mehrere Präparate mit potenziell blutdrucksenkender Wirkung eingenommen (z. B. bestimmte Pflanzenextrakte), sollte der Gesamteffekt im Blick behalten und regelmäßig der Blutdruck kontrolliert werden.
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Realistische Erwartungen: Spermidin ist aktuell ein ergänzender, kein ersetzender Baustein für die Herzgesundheit – wer bereits eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, sollte die Einnahme grundsätzlich mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen.
Wie Spermidin im Körper allgemein wirkt, welche Dosierung gilt und worauf du bei Wechselwirkungen achten solltest, liest du im Glossareintrag Spermidin. Wie du Spermidin über Ernährung und Nahrungsergänzung sinnvoll dosierst, erklärt der Beitrag Spermidin: Kapsel oder Lebensmittel – und wie dosiere ich richtig?. Den größeren Zusammenhang mit Zellalterung und Langlebigkeit ordnet unser Artikel Spermidin und Longevity: Was die Zellalterung mit Autophagie zu tun hat ein.
Fazit
Die Bilder aus dem Grazer Labor – elastischere, gesündere Mäuseherzen unter Spermidin-Gabe – gehören zu den eindrücklichsten Ergebnissen der bisherigen Forschung. Beim Menschen ist die Datenlage noch ein Stück zurückhaltender: vielversprechende Beobachtungsdaten, aber noch keine randomisierten Studien, die eine gezielte Wirkung auf Blutdruck oder Herzfunktion zweifelsfrei bestätigen. Genau das macht Spermidin zu einem der spannendsten offenen Kapitel der Herz-Kreislauf-Forschung der kommenden Jahre.
Wer mehr über den Wirkmechanismus, die passende Dosierung und mögliche Wechselwirkungen erfahren möchte, findet alle Details in unserem Glossareintrag zu Spermidin.
Quellen
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Eisenberg T, Abdellatif M, Schroeder S, et al. (2016): Cardioprotection and lifespan extension by the natural polyamine spermidine. Nature Medicine 22:1428–1438.
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EFSA / Europäische Kommission: Durchführungsverordnung (EU) 2020/443 zur Zulassung von spermidinreichem Weizenkeimextrakt als Novel Food.
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NutraIngredients (2026): Longevity ingredients under the EU regulatory spotlight.
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science.ORF.at: Spermabestandteil schützt das Herz.
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spermidin.health: Einsatzgebiete – Herz.
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Medizinische Universität Graz: Diplomarbeit zu Spermidin und kardialem Remodeling nach erhöhter Drucklast.