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Ein Dorf in Südtirol und eine ungewöhnliche Frage
Seit 1990 begleiten Forschende der Medizinischen Universität Innsbruck rund 1.000 Einwohner:innen der Südtiroler Stadt Bruneck – über ein Vierteljahrhundert hinweg, mit regelmäßigen Blutuntersuchungen, Gefäßchecks und Ernährungsprotokollen. Was als klassische Studie zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen begann, brachte 2018 ein Ergebnis hervor, das weit über Südtirol hinaus Aufmerksamkeit bekam: Unter 146 untersuchten Nähr- und Mikronährstoffen stach ausgerechnet ein kaum bekanntes Molekül heraus – Spermidin. Menschen, die davon besonders viel über die Nahrung aufnahmen, hatten über den 20-jährigen Beobachtungszeitraum ein deutlich geringeres Sterberisiko.
Was macht ausgerechnet dieses Molekül so besonders? Die Antwort führt zu einem Prozess, der in der Longevity-Forschung inzwischen fast schon Kultstatus hat: der Autophagie – dem zelleigenen Aufräumprozess, der mit dem Alter zunehmend ins Stocken gerät.
Warum Zellalterung überhaupt ein Thema ist
Jede Zelle produziert im Laufe ihres Lebens Abfall: beschädigte Proteine, defekte Zellorganellen, fehlgefaltete Eiweißstrukturen. Ein gut funktionierendes Aufräumsystem – die Autophagie – baut diesen Abfall ab und recycelt die Bausteine für neue, funktionsfähige Zellstrukturen. Das hält Zellen leistungsfähig und schützt vor der schleichenden Anhäufung von „zellulärem Müll“.
Mit zunehmendem Alter lässt diese Aufräumfunktion nach. Gleichzeitig sinkt die körpereigene Konzentration von Spermidin in vielen Geweben. Beide Kurven – nachlassende Autophagie und sinkender Spermidinspiegel – verlaufen erstaunlich parallel. Genau diese Beobachtung hat Wissenschaftler:innen dazu gebracht, Spermidin nicht nur als Randnotiz, sondern als möglichen Schlüsselfaktor der Zellalterung zu untersuchen.
Was die Forschung bisher zeigt
Die Grundlage bilden Experimente mit Modellorganismen: In Hefe, Fadenwürmern, Fruchtfliegen und Mäusen verlängerte eine zusätzliche Spermidin-Gabe wiederholt die Lebensspanne und verbesserte Marker der Zellgesundheit. Spermidin aktiviert dabei mehrere zelluläre Signalwege, die an der Steuerung der Autophagie beteiligt sind, und wirkt so wie ein biochemischer Auslöser für den Aufräumprozess – ein Effekt, der sich in Teilen mit dem von Fasten überschneidet.
Beim Menschen liefert vor allem die bereits erwähnte Bruneck-Studie die bislang aussagekräftigsten Daten: Bei einer täglichen Spermidinzufuhr von mehr als 80 Mikromol über die Nahrung war das Sterberisiko im Vergleich zur spermidinärmsten Gruppe (unter 60 Mikromol) über 20 Jahre spürbar reduziert – umgerechnet ein Überlebensvorteil von im Schnitt rund fünf Jahren (Kiechl et al., 2018, American Journal of Clinical Nutrition).
Wichtig für eine ehrliche Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen statistischen Zusammenhang, aber keinen zwingenden Beweis für Ursache und Wirkung – Menschen mit hoher Spermidinzufuhr ernähren sich oft insgesamt vollwertiger, was das Ergebnis mitbeeinflussen kann. Randomisiert-kontrollierte Humanstudien, die eine direkte Lebensverlängerung durch gezielte Spermidin-Gabe belegen, stehen bislang aus; auch zu kognitiven Effekten ist die Studienlage beim Menschen noch uneinheitlich. Ein von der EFSA zugelassener gesundheitsbezogener Claim existiert für Spermidin aktuell nicht – zugelassen ist lediglich die Verwendung von spermidinreichem Weizenkeimextrakt als Novel Food. Genau das macht Spermidin zu einem der spannendsten, aber auch noch jungen Forschungsfelder der Longevity-Wissenschaft.
Praktische Tipps für den Alltag
Wer sich für den Zusammenhang zwischen Spermidin und Zellgesundheit interessiert, muss kein Bruneck nachbauen. Ein paar realistische Ansatzpunkte:
- Ernährung zuerst: Weizenkeime, gereifter Käse, Sojabohnen, Pilze, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte regelmäßig einbauen – das ist der Ansatz, für den auch die Bruneck-Daten sprechen.
- Autophagie-Fenster nutzen: Längere Essenspausen (z. B. durch ein moderates Zeitfenster beim Essen) unterstützen den Aufräumprozess zusätzlich – Spermidin und Fasten wirken hier über teils ähnliche Mechanismen.
- Bewegung einplanen: Regelmäßige körperliche Aktivität ist einer der am besten belegten Auslöser für Autophagie und ergänzt eine spermidinreiche Ernährung sinnvoll.
- Supplementierung als Ergänzung, nicht als Ersatz: Wer über die Ernährung allein nicht auf ausreichende Mengen kommt, kann ein Nahrungsergänzungsmittel in Betracht ziehen – innerhalb der EU-Obergrenze von 6 mg Spermidin pro Tag und idealerweise zu einer Mahlzeit eingenommen.
- Geduld mitbringen: Longevity ist ein Langstreckenthema. Realistisch sind spürbare Effekte auf Zellebene über Monate und Jahre, nicht über einzelne Wochen.
Wie Spermidin genau im Körper wirkt, welche Formen es gibt und was bei der Einnahme zu beachten ist, erfährst du im ausführlichen Glossareintrag Spermidin. Konkrete Einnahmeempfehlungen für den Alltag findest du außerdem im Beitrag Spermidin: Dosierung & Einnahme richtig gemacht.
Fazit
Die Bruneck-Studie hat Spermidin von einem biochemischen Randmolekül zu einem der meistbeachteten Bausteine der Longevity-Forschung gemacht – nicht, weil die Frage beantwortet wäre, sondern weil sie so vielversprechend offen ist. Klar ist: Die körpereigene Aufräumfunktion der Zellen lässt mit dem Alter nach, während der Spermidinspiegel sinkt. Ob und in welchem Ausmaß eine gezielte Zufuhr diesen Prozess beim Menschen tatsächlich verlangsamt, wird die Forschung der kommenden Jahre zeigen.
Bis dahin gilt: Wer seiner Zellgesundheit etwas Gutes tun will, muss nicht auf die nächste Studie warten. Eine spermidinreiche Ernährung ist schon heute ein guter Ausgangspunkt – alles Wichtige zur Wirkung, Dosierung und möglichen Wechselwirkungen findest du in unserem Glossareintrag zu Spermidin.
Quellen
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Kiechl S, et al. (2018): Higher spermidine intake is linked to lower mortality: A prospective population-based study. American Journal of Clinical Nutrition 108:371–380.
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Kiechl S, Willeit J. (2019): In a Nutshell: Findings from the Bruneck Study. Gerontology 65:9–19.
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Medizinische Universität Innsbruck: Pressemitteilung zur Bruneck-Studie und Spermidin.
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EFSA / Europäische Kommission: Durchführungsverordnung (EU) 2020/443 zur Zulassung von spermidinreichem Weizenkeimextrakt als Novel Food.
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NutraIngredients: Longevity ingredients under the EU regulatory spotlight.